Wissenschaftsstiftungen in Österreich: Keineswegs ein Randphänomen
Was hat Sie bei der Auswertung selbst am meisten überrascht und welches Ergebnis verändert aus Ihrer Sicht den Blick auf Wissenschaftsstiftungen in Österreich?
Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Vielfalt und die internationale Dimension des Stiftungsengagements in der österreichischen Wissenschaft. Wir konnten insgesamt 262 österreichische Stiftungen und Fonds identifizieren, die Wissenschaft und Forschung zumindest ihrem Stiftungszweck nach unterstützen. Dazu kommen erkennbar 191 internationale Stiftungen aus 21 Ländern, die österreichische Forschungseinrichtungen fördern oder in den letzten Jahren gefördert haben bzw. mit diesen kooperieren.
Das zeigt, dass Wissenschaftsphilanthropie in Österreich keineswegs nur ein Randphänomen ist. Gleichzeitig hat uns die Studie vor Augen geführt, wie wenig wir bisher über diesen Bereich systematisch wussten. Viele Förderbeziehungen sind öffentlich kaum sichtbar, und insbesondere über die tatsächlichen finanziellen Leistungen einzelner Stiftungen liegen nur sehr begrenzt Informationen vor.
Was den Blick auf Wissenschaftsstiftungen aus meiner Sicht verändert, sind daher weniger einzelne Zahlen als die Erkenntnis, dass hier bereits ein Förderökosystem existiert, dieses aber bislang wenig transparent war und wohl noch nicht ausreichend vernetzt ist. Dieses Potenzial gilt es meiner Einschätzung nach künftig besser zu verstehen und gezielter zu erschließen.
Ihre Studie zeigt, dass privates Stiftungsengagement in der österreichischen Wissenschaft stärker verankert ist, als man vielleicht vermuten würde. Wo sehen Sie derzeit das größte noch ungenutzte Potenzial für Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen?
Das größte Potenzial sehe ich darin, Wissenschaftsfundraising stärker als strategische Aufgabe zu verstehen und institutionell zu verankern. Unsere Ergebnisse, am Beispiel der Drittmittelerlöse der öffentlichen Universitäten, zeigen, dass private Fördermittel zwar insgesamt noch einen relativ kleinen Anteil der Forschungsfinanzierung ausmachen. So liegt der Anteil privater Drittmittel an öffentlichen Universitäten durchgehend unter fünf Prozent. Für einzelne Forschungsprojekte kann das bzw. eben die einzelne private Projektförderung aber durchaus entscheidend sein.
Viele Forschungseinrichtungen verfügen über hervorragende wissenschaftliche Kompetenzen, nutzen aber möglicherweise noch nicht alle Möglichkeiten, diese gegenüber potenziellen, auch internationalen, philanthropischen Fördergebern sichtbar zu machen.
Dabei geht es nicht nur darum, zusätzliche Finanzierungsquellen zu erschließen. Der reine Finanzierungsblick greift da zu kurz. Die öffentliche Finanzierung ist hierfür zu bedeutsam. Stiftungen können aber ggf. auch dort Freiräume schaffen, wo öffentliche Förderprogramme an Grenzen stoßen, etwa bei innovativen, risikoreichen oder langfristig angelegten Forschungsvorhaben.
Entscheidend wird sein, passende Förderpartner systematisch zu identifizieren, deren Interessen zu verstehen, Beziehungen langfristig aufzubauen und wissenschaftliche Themen so zu vermitteln, dass ihre gesellschaftliche Relevanz erkennbar wird. Private Forschungsförderung kann die öffentliche Finanzierung nicht ersetzen, aber sie kann sie auf sehr wertvolle Weise ergänzen.
Internationale Stiftungen und persönliche Netzwerke: Potenziale ausbauen
191 internationale Stiftungen aus 21 Ländern unterstützen laut Ihrer Studie österreichische Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen. Was machen jene Einrichtungen anders, denen es besonders gut gelingt, internationale Fördergeber zu gewinnen?
Unsere Ergebnisse legen nahe, dass vor allem drei Faktoren eine Rolle spielen: internationale Sichtbarkeit, ein klares wissenschaftliches Profil bzw. klare Themenschwerpunkte und gut entwickelte Netzwerke.
Interessanterweise sind es nicht unbedingt die größten Universitäten, die besonders viele internationale Förderbeziehungen aufweisen. Vielmehr finden wir unter den erfolgreichen Einrichtungen auch spezialisierte, international ausgerichtete Institutionen wie das ISTA, also das Institute of Science and Technology Austria, die Central European University oder das Institut für die Wissenschaften vom Menschen.
Das deutet darauf hin, dass wissenschaftliche Qualität allein nicht ausreicht, um internationale Stiftungen auf sich aufmerksam zu machen. Forschungseinrichtungen müssen auch sichtbar und für potenzielle Förderpartner anschlussfähig sein. Dazu gehören eine professionelle Kommunikation, persönliche wissenschaftliche Netzwerke und Erfahrungen im Umgang mit internationalen Fördergebern.
Ein wesentlicher Punkt ist aus meiner Sicht, Fundraising nicht ausschließlich als Aufgabe einer zentralen Verwaltungsstelle zu betrachten. Erfolgreiche Förderbeziehungen entstehen häufig dort, wo die wissenschaftliche Expertise einzelner Forschender mit professioneller institutioneller Unterstützung zusammenkommt.
Wer internationale Stiftungen gewinnen möchte, sollte daher nicht nur fragen, welche Fördermittel verfügbar sind, sondern vor allem, welche wissenschaftlichen Themen und Kompetenzen für bestimmte Stiftungen von Interesse sein könnten.
Auffällig ist auch, dass in der Wissenschaftsförderung häufig einzelne Forschende und Themen im Mittelpunkt stehen. Was bedeutet diese starke Personenorientierung für erfolgreiches Fundraising in Wissenschaft und Forschung?
Das ist tatsächlich eine Besonderheit der Wissenschaftsförderung. Während im beispielsweise im Sozialbereich häufig Organisationen und ihre Programme unterstützt werden, stehen in der Wissenschaft oftmals konkrete Forschungsthemen und die ForscherInnen dahinter im Mittelpunkt. In 193 der insgesamt 475 von uns dokumentierten Förderbeziehungen werden einzelne Forschende namentlich genannt.
Für das Fundraising bedeutet das, dass die wissenschaftlichen Persönlichkeiten selbst eine zentrale Rolle spielen. Ihre Expertise, ihre Reputation, ihre Netzwerke und ihre Fähigkeit, die Bedeutung ihrer Forschung zu vermitteln, können wesentlich dazu beitragen, Fördergeber zu gewinnen.
Gleichzeitig braucht es dafür die entsprechende Unterstützung durch die Forschungseinrichtungen. Forschende sollten nicht zusätzlich zu ihren wissenschaftlichen Aufgaben auch noch das gesamte Fundraising übernehmen müssen. Vielmehr geht es darum, wissenschaftliche Kompetenz und professionelle Fundraising-Strukturen miteinander zu verbinden.
Die starke Personenorientierung birgt allerdings auch Herausforderungen. Sie kann dazu führen, dass besonders sichtbare Forschende und bereits erfolgreiche Einrichtungen überproportional profitieren. Umso wichtiger ist es, auch Nachwuchswissenschafterinnen und Nachwuchswissenschaftern Zugang zu philanthropischer Förderung zu eröffnen und nicht ausschließlich auf etablierte wissenschaftliche Persönlichkeiten zu setzen.
Stiftungsfundraising: Tipps für den Einstieg
Wenn Sie einer Forschungseinrichtung, die Stiftungsfundraising bisher kaum systematisch betreibt, nur einen Rat für den Einstieg geben könnten: Welcher wäre das?
Mein Rat wäre, zunächst die eigenen wissenschaftlichen Stärken und Themen mit den Interessen von potenziellen, philanthropisch orientierten Fördergebern abzugleichen, bevor man mit konkreten Förderanfragen beginnt.
Unsere Studie zeigt, wie vielfältig die österreichische und internationale Stiftungslandschaft ist. Gleichzeitig ist dieser Bereich bislang wenig transparent. Nicht jede Stiftung, die Wissenschaft in ihrem Zweck verankert hat, fördert auch tatsächlich aktiv Forschungsprojekte. Und nicht jede Stiftung arbeitet mit offenen Ausschreibungen.
Deshalb lohnt es sich, Zeit in eine systematische Recherche zu investieren: Welche Stiftungen fördern vergleichbare Themen? Welche Einrichtungen oder Forschenden wurden bereits unterstützt? Und wo bestehen möglicherweise persönliche oder institutionelle Anknüpfungspunkte? Mit unserer Studie und den darin enthaltenen Stiftungslisten möchten wir auch eine Grundlage schaffen, um solche Zugänge zu erleichtern.
Letztlich geht es beim Stiftungsfundraising nicht nur um die Suche nach Geld, sondern um den Aufbau langfristiger Beziehungen rund um gemeinsame wissenschaftliche und gesellschaftliche Anliegen. Wer diesen Zugang von Anfang an verfolgt, schafft eine gute Grundlage für nachhaltige Förderpartnerschaften.

Sie können die Studie auf der Webseite des Verbands für gemeinnütziges Stiften herunterladen:

Dr. Reinhard Millner Reinhard Millner ist Leiter des Centers für Social Entrepreneurship und Soziale Innovation an der Wirtschaftsuniversität Wien. Zudem fungiert er als wissenschaftlicher Leiter des Executive Masterprogramms Social Innovation and Management an der WU Executive Academy. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte umfassen Social Entrepreneurship, Soziale Innovationen, Wirkungsmessung, Stiftungen und Philanthropie sowie Impact Investing und Social Impact Bonds. Seine Forschung wurde u.a. in Fachzeitschriften wie Voluntas, Journal of Management Inquiry, Public Management Review und Journal of Business Venturing Insights veröffentlicht.